Hiking, Wandern, Unterwegs sein

Wanderung Nummer 6: Durch die Teverener Heide

Oder: Alte Heimat-Route Eins

Die Wettervorhersage ist grottenschlecht: Regen, Schauer, 13 Grad, keine Spur vom „Goldenen Oktober“. Ich ertappe mich bei dem Gedanken, den Sonntag drinnen zu verbringen. Drinnen bedeutet: ein Buch lesen („Der Pfau“ von Isabel Bogdan), hinterm Laptop verschwinden und irgendwann für die Schule arbeiten. Dabei habe ich das gestern schon getan, um heute wanderfrei zu haben. Außerdem habe ich mir gestern ein Auto gebucht, für halb elf.

Ich wache gegen sieben auf und es regnet. Ich bemühe meine „Wetter-App“, die eigentlich nur dann zuverlässig funktioniert, wenn sie das Wetter ansagt, das ich auch vom Fenster aus mit eigenen Augen erkennen kann. Angeblich hört es gleich auf zu regnen und ist dann bis zwei Uhr trocken. Okay. Aufstehen, Auto umbuchen, Rucksack packen, los!

Ich werde es nicht bereuen.

Mit Hilfe von Herrn Google finde ich den Weg, lande aber auf den letzten Metern an einem anderen Wandererparkplatz als angedacht. Die Tourbeschreibung – es ist Tour 3 der „Auf geht’s“-Zeitungswanderrouten – legt aber drei mögliche Startpunkte fest, sodass ich genauso gut vom „Parkplatz Scherpenseel“ aus loswandern kann und als erstes Highlight die „Scherpenseeler Denne“ entdecke. Hier hat sich die Natur eine riesige Sandgrube zurückerobert und ich erfahre anhand einer Infotafel, dass sich hier 120 Wildbienenarten zu Hause fühlen. Auch ich fühle mich hier zu Hause, es ist trocken, jedenfalls von oben, mein Blick schweift über das sandige Heidegebiet und ich kann mir vorstellen, dass es hier bei Sonnenschein ganz schön heiß werden kann. Als Winterkind sind mir der Regen, der feuchte Modergeruch,  die Pfützen auf dem gut ausgebauten Weg fast lieber. Ich bin – wie soll ich es sagen – schlagartig vergnügt und sehr zufrieden mit der Entscheidung, das warme Bett und mein Zuhause früh verlassen zu haben.

Das haben allerdings auch andere Menschen getan. Auf dieser Route treffe ich deutlich mehr Spaziergänger, Radfahrer, Wanderer, Jogger als auf den bisherigen Touren. Das liegt vielleicht daran, dass das regenzeitlose Fenster nur vier Stunden dauern soll, vielleicht aber auch daran, dass sich die Tour insgesamt eher als Spaziergang entpuppt denn als Wanderung. Es ist trotzdem schön. Sehr sogar. Ich komme vorbei an kleinen Teichen und größeren „Tonseen“, an Heidekraut und Birken, an weißen, gelben, braunen und roten Pilzen. Ich glaube, dass ich in den letzten sechs Wochen insgesamt mehr Pilze gesehen habe als in den 20 Jahren zuvor.

 

Neben deutlich mehr Mitmenschen treffe ich auch deutlich mehr Hunde. Mehr Ziegen. Mehr Schafe. Schon wieder fühle ich mich an meine Kinderzeit auf dem Dorf erinnert: Es war immer wieder spannend, den „In-den-Stall-Trieb“ der Kuherde unseres bäuerlichen Nachbarn zu beobachten. Dem Muhen zuzuhören. Die Kuhfladen auf der Straße dampfen zu sehen. Hier und heute blökt und meckert es und es riecht streng nach Schafs- und Ziegenfell.

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Aber die Idylle trügt. Die „Tonseen“ sind ursprüngliche Naturwunden, die – seit den Neunzigern sich selbst überlassen – nun  Zwergtauchern und Libellen als Lebensraum dienen. Mir kommt das gigantische Loch des Braunkohletagebaus in den Sinn. Eine riesige Wunde, die vielleicht Generationen von Wanderern nach mir als Naturschutzgebiet präsentiert werden wird. Wie wird sich die Natur dort ihren Weg bahnen?

Der Weg durch die Heide ist mit gelben Wegstreifen gut gekennzeichnet. Ich verlaufe mich kein einziges Mal. Nachdem ich am „Parkplatz Hohenbusch“ vorbei an Lösch- und Fischteichen gewandert bin, komme ich an  einem weiteren Stück trügerischer Idylle vorbei. Rechts neben mir säumen Bäume, Moos, Pfützen den sandigen Weg,  links ein großer grüner Stacheldraht-bewehrter Zaun. Er trennt die NATO-Airbase vom Rest der Heide ab, und auch, wenn man von der Base selbst kaum etwas sieht oder hört, ist es seltsam unpassend.

Ein langes Wegstück begleitet mich dieser Zaun. Dann macht mich eine rote Hinweistafel auf den „Wiggelewak“ aufmerksam und ich lerne, dass es sich dabei um ein Moor handelt, das sowohl vom Grundwasser als auch vom Regenwasser gespeist wird und so empfindlich ist, dass es nicht einmal Trittspuren verzeiht. Überhaupt sind die Hinweistafeln hier schön geschrieben und informativ, sodass ich Lust habe, sie zu lesen. Das ist nicht immer so.

Irgendwann verlasse ich den Zaun, die Air-Base, den Wald, treffe am Waldrand auf einen Reiter und folge eine Zeitlang der eleganten Bewegung eines fuchsbraunen Pferdehinterns. Wieder im Wald laufe ich vorbei an riesigen, auch schon braun gefärbten Farnen und finde das „Grotenrather Püttchen“. Hier erfahre ich, dass es sich um eine ehemalige Quelle handelt, zu der man früher das Vieh getrieben hat, die aber durch den Sand- und Kiesabbau der neunziger Jahre versiegt ist. Man kann nur noch vage erahnen, dass der „Pütt“ ein Brunnen war. Und dann bin ich auch schon am Ende meiner Wanderung, die trotz einer Picknickpause nur knapp zweieinhalb Stunden gedauert hat. Ich fand’s schön, werde vielleicht im Winter noch einmal zurückkommen, wenn die riesigen rotbraunen Farne endgültig am Boden liegen, die kleinen Teiche und Seen gefroren sind, vielleicht sogar Schnee unter meinen Wanderschuhen knirscht. Ich fand’s schön, trotz der NATO-Air-Base und trotz der Hinterlassenschaften umweltdummer Mitmenschen, die Plastikflaschen und Tempo-Tücher-Verpackungen und Bonbonpapierchen und Blondinen auf dem sandigen Heideweg vergessen haben.

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