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Keine Wanderung – Berlin

So schnell kann es gehen. Wer hätte gedacht, dass ich – sozusagen mitten aus der Waldwanderung  – am Sonntagabend abkommandiert werde und  in den ICE steigen muss, um nach Berlin zu fahren.

Gemeinhin ist Schule nicht gerade dafür bekannt, dass Dienstreisen anstehen, die weiter weg führen als in die Landeshauptstadt oder die Karnevalshochburg. Aber heute geht’s ein Stückchen weiter und ich werde aus dem alltäglichen Geschäft des Unterrichtens und Erziehens entlassen und in das nicht ganz so alltägliche des Netzwerkens eingeschleust. Auch gut. Die Theater der Hauptstadt bieten jede Menge Abwechslung, das Hotel liegt in der Gegend, die ich zuletzt während meiner Abi-Abschlussfahrt aufgesucht habe und es hat einen Wellnessbereich. Das Netzwerken ist erst morgen Früh dran.

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Der ICE braucht vier Stunden und ich versinke wie immer auf langen Reisen mitten in mir selbst. Während mein Gegenüber fleißig von Hand in ein Büchlein schreibt – was da notiert wird, interessiert mich brennend – aber ich wag nicht zu fragen – esse ich einen Porridge von „Haferkater“ aus dem Kölner HBF und schließe die Augen, um an nichts zu denken. Ich habe Musik dabei und zwei gute Bücher, meinen Laptop und mein Handy, aber Reisen bringt mich in eine Art Lethargie, aus der ich erst nach etwa zwei Stunden durch die „Kaffee?“-Frage einen blau uniformierten Bahnbediensteten gerissen werde. Natürlich weiß ich, dass Kaffee bei der Bahn nicht bedeutet, dass man Kaffee bekommt und selbstverständlich verbrenne ich mir für dreieurofünfzig die Zunge, aber ich werde wach und gucke – wie mein Notizen schreibendes Gegenüber – aus dem Fenster des mit 200 KMH dahin surrenden Zuges.

Deutschland ist grau. Bei Porta Westfalica sehe ich einen Turmbewehrten Hügel und einen über die Ufer getretenen Fluss und muss mir zu meiner Schande eingestehen, dass ich erst nachlesen muss, um welches Gebäude und welches Gewässer es sich handelt.

Deutschland ist grau – und ich frage mich, was Menschen wie unser aller Lieblingskanadier denken würden, führen sie mit der Bahn durch diesen Teil der Bundesrepublik. Vorbei an Güterbahnhöfen, verklinkerten oder verputzten Einfamilienhäusern, Graffity-verschönten Lärmschutzwänden und Gestrüpp. Auch wenn das Grün mancher Felder schon zu sprießen beginnt, wirkt es unbunt. Von meinen mittlerweile zwanzig Wanderungen weiß ich, dass auch trübe Tage ihren Reiz haben und dass die Grautöne Nuancen bieten, die man nur erkennen kann, wenn man sich auf sie einlässt. Die Baumkronen, die sich in den Pfützen spiegeln, die kleinen Schätze am Wegesrand, die roten Knospen, die weißen weichen „Kätzchen“ sieht man nur, wenn man ihnen nah genug kommen kann. Es ist wie mit allem Schönem: Man muss die Augen öffnen und es an sich heranlassen.

Und dann sehe ich ein Reh, eine Baumgruppe mit Massen von kugeligen Misteln, unter denen halb Bielefeld Platz zum Küssen fände, einen schmucken Bauernhof und dann noch einen, und schließlich, während ich diesen Satz hier schreibe –  der ICE rast schnell – eine ganze  Rehgruppe, fünf oder sechs an der Zahl auf dem freien Feld.

Das Schöne will entdeckt werden.

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