Allgemein

Keine Wanderung – Berlin

So schnell kann es gehen. Wer hätte gedacht, dass ich – sozusagen mitten aus der Waldwanderung  – am Sonntagabend abkommandiert werde und  in den ICE steigen muss, um nach Berlin zu fahren.

Gemeinhin ist Schule nicht gerade dafür bekannt, dass Dienstreisen anstehen, die weiter weg führen als in die Landeshauptstadt oder die Karnevalshochburg. Aber heute geht’s ein Stückchen weiter und ich werde aus dem alltäglichen Geschäft des Unterrichtens und Erziehens entlassen und in das nicht ganz so alltägliche des Netzwerkens eingeschleust. Auch gut. Die Theater der Hauptstadt bieten jede Menge Abwechslung, das Hotel liegt in der Gegend, die ich zuletzt während meiner Abi-Abschlussfahrt aufgesucht habe und es hat einen Wellnessbereich. Das Netzwerken ist erst morgen Früh dran.

IMG_3326

Der ICE braucht vier Stunden und ich versinke wie immer auf langen Reisen mitten in mir selbst. Während mein Gegenüber fleißig von Hand in ein Büchlein schreibt – was da notiert wird, interessiert mich brennend – aber ich wag nicht zu fragen – esse ich einen Porridge von „Haferkater“ aus dem Kölner HBF und schließe die Augen, um an nichts zu denken. Ich habe Musik dabei und zwei gute Bücher, meinen Laptop und mein Handy, aber Reisen bringt mich in eine Art Lethargie, aus der ich erst nach etwa zwei Stunden durch die „Kaffee?“-Frage einen blau uniformierten Bahnbediensteten gerissen werde. Natürlich weiß ich, dass Kaffee bei der Bahn nicht bedeutet, dass man Kaffee bekommt und selbstverständlich verbrenne ich mir für dreieurofünfzig die Zunge, aber ich werde wach und gucke – wie mein Notizen schreibendes Gegenüber – aus dem Fenster des mit 200 KMH dahin surrenden Zuges.

Deutschland ist grau. Bei Porta Westfalica sehe ich einen Turmbewehrten Hügel und einen über die Ufer getretenen Fluss und muss mir zu meiner Schande eingestehen, dass ich erst nachlesen muss, um welches Gebäude und welches Gewässer es sich handelt.

Deutschland ist grau – und ich frage mich, was Menschen wie unser aller Lieblingskanadier denken würden, führen sie mit der Bahn durch diesen Teil der Bundesrepublik. Vorbei an Güterbahnhöfen, verklinkerten oder verputzten Einfamilienhäusern, Graffity-verschönten Lärmschutzwänden und Gestrüpp. Auch wenn das Grün mancher Felder schon zu sprießen beginnt, wirkt es unbunt. Von meinen mittlerweile zwanzig Wanderungen weiß ich, dass auch trübe Tage ihren Reiz haben und dass die Grautöne Nuancen bieten, die man nur erkennen kann, wenn man sich auf sie einlässt. Die Baumkronen, die sich in den Pfützen spiegeln, die kleinen Schätze am Wegesrand, die roten Knospen, die weißen weichen „Kätzchen“ sieht man nur, wenn man ihnen nah genug kommen kann. Es ist wie mit allem Schönem: Man muss die Augen öffnen und es an sich heranlassen.

Und dann sehe ich ein Reh, eine Baumgruppe mit Massen von kugeligen Misteln, unter denen halb Bielefeld Platz zum Küssen fände, einen schmucken Bauernhof und dann noch einen, und schließlich, während ich diesen Satz hier schreibe –  der ICE rast schnell – eine ganze  Rehgruppe, fünf oder sechs an der Zahl auf dem freien Feld.

Das Schöne will entdeckt werden.

IMG_3300

Allgemein · Hiking, Wandern, Unterwegs sein · Zugabe

Wanderung Nummer 23 – Zur Sauermühle

Irgendwie bin ich „aus dem Tritt“, finde noch keinen neuen Wanderrhythmus, sondern drehe mich im Bett herum, ertappe mich bei sonntäglichen Ausreden – angefangen vom „Ich kann doch mein Kind 👶 nicht alleine lassen!“ über mitten am Tag liegende Events, die einer Wanderung die nötigen Stunden klauen bis hin zum Neuschnee, der die meteorologischen Frühlingstage abkühlt.

Schluss damit. Ich will wieder los. Muss nach draußen. An die Luft. Trotz Schnee und Eis? Trotz Schnee und Eis!

Die „Sauermühle“ ist mein Ziel, der Weg ab Einruhr nicht so weit, der Schnee im Mühlental nicht so hoch, die Planung nicht weiter schwierig, denn wie immer gibt es Schilder mit Nümmerchen. Diese zu beachten wäre hilfreich. Es zu unterlassen, führt zu Umwegen und Irrwegen. Aber darin bin ich ja Spezialistin.

Ich fahre viel zu spät los – ein Event stand dem Wandern im Weg. Ein paar Stunden später ist es ein Hirsch. Dann zwei, dann vier, fünf, sechs. Ein ganzes Rudel. Lange stehe ich reglos da und hoffe auf eine gute Foto-Gelegenheit.  Aber dazu müsste ich wohl auf einem der zahlreichen Hochsitze sein.

fullsizeoutput_1d27

Die Wildgänse, die in den nächsten Tagen in Funk und Fernsehen zu Kranichen werden – überzeugt bin ich nicht davon – sind mindestens so beeindruckend. Sie fliegen über die Dreiborner Hochfläche und auch mit ihnen bin ich ganz allein. Im Gegensatz zu den Hirschen kümmern sie sich nicht um mich.

fullsizeoutput_1d2a

Irgendein Geräusch lässt die Hirsche schließlich aufhorchen. Dann brechen sie aus dem Gebüsch aus und jagen den Hang hoch, hinein in den Wald.

Als ich sie aus den Augen verloren habe, merke ich, dass auch die „45“ weg ist. Und wo bitte ist die Sauermühle? Ich höre Autogeräusche und lande auf einer Straße. Welche Richtung soll ich einschlagen? Wo bin ich vom rechten Pfad abgekommen? Was sagt die Karte?

Wie immer nicht viel. Ich verstehe ihre Sprache nicht. Also setze ich mich den Gefahren des Straßenverkehrs aus, denn es wird verdächtig dunkel. Ich habe viel zu lange Hirsche beobachtet.

Irgendwann entdecke ich links ein kleines weißes Schild. Und den Weg. Der aber liegt auf der schattigen Seite und ist völlig vereist. Da ist mir die Straße lieber. Den Kelzerbach lasse ich links liegen. Und atme auf, als ich um die Kurve biege. Einruhr. Von hinten.

Ich muss gestehen, dass ich mich jetzt doch auf die grünen Tage freue.

fullsizeoutput_1d2f

Und auf einen Bus, der mich nicht im Dunkeln lässt . . .