Allgemein · Hiking, Wandern, Unterwegs sein

Wanderung Nummer 12: Der Birgeler Urwald oder . . .

. . . Alte Heimat-Route Zwei

Der Wandertag beginnt ein bisschen schräg. Ich informiere mich über mehrere Wandermöglichkeiten ab Roetgen oder Einruhr – und dann verpasse ich den Bus! Der nächste fährt erst um viertel vor Zwölf. Viel zu spät. Was tun?

Zuerst mal wandere ich nach Hause zurück. Dort konsultiere ich die übrig gebliebenen „Zeitungsrouten“. Die meisten sind mir zu kurz. Bleiben der Aachener Wald (den ich schon ziemlich gut kenne) und der „Birgeler Urwald“. 13 Kilometer lang soll der entsprechende Rundweg sein. Das Problem ist nur: Er startet ab „Haus Wildenrath“ und ich habe vor einigen Wochen schon einmal einen Anlauf unternommen, diesen Startpunkt zu finden. Ist mir nicht geglückt.

Da ich inzwischen weiß, wo ich mich verfahren habe, gucke ich ein bisschen genauer in die Google-Map und lerne den Weg so besser kennen: B57, K 29, L19, Hetzerath liegt rechts, Matzerath links, durch Myhl muss ich durch. Schnell ein Auto gebucht – bis 18.00 Uhr – und ich verlasse zum zweiten Mal das Haus.

Um es kurz zu machen: Dieses Mal finde ich „Haus Wildenrath„, ein Zentrum des „NABU“. Aber einfach war das nicht. Erst als ich mich eigentlich nicht mehr verfahren kann, kommt das erste und einzige Hinweisschild in Sicht. Da muss der Kreis Heinsberg aber noch mal ran!

Der Kreis Heinsberg. Meine „alte Heimat“. Ich kenne mich hier aus – und doch wieder nicht. In den letzten zehn, zwanzig Jahren wurde hier eine Umgehungsstraße nach der anderen gebaut – und alle sehen gleich aus. Man kann schlecht drehen, wenn man sich verfahren hat, weil Umgehungsstraßen schnelle Straßen sind und weil einem immer jemand auf der Stoßstange hängt.

Als ich endlich angekommen bin, fühle ich mich gestresst und bin irgendwie ärgerlich. Und es dauert fast eine halbe Stunde, bis ich diesen Ärger wieder weggewandert habe. Der „Birgeler Urwald“ ist auf den ersten Kilometern nicht besonders spektakulär – und schon gar kein Urwald. Warum bin ich so kritisch? Hat es etwas damit zu tun, dass ich in dieser Gegend hier groß geworden und dann „ausgewandert“ bin?

Tatsächlich habe ich am Ende des Weges – ich brauche fast fünf Stunden – mehr Bilder gemacht, als auf all meinen Wanderungen vorher. Das muss einen guten Grund haben.

Am Anfang gehe ich ganz langsam. Der Weg ist eher ein Spazierweg, und im Laufe des Tages stelle ich fest, dass ich immer dann schnell bin, wenn es bergauf geht. Aber es geht selten bergauf. Der Weg ist super gut ausgeschildert, das Symbol lässt mich fast nie im Stich. Für meinen Geschmack gibt es zu viele Mitwanderer und zu viele Berührungspunkte mit der Zivilisation. Zumindest gilt das für die erste Weghälfte. Aber das Wetter ist schön – und die vorherrschende Farbe ist Gelb:

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Langsam entspanne ich mich. Und kriege Hunger. Es gibt wenig Bänke unterwegs, und als die erste in Sicht kommt, packe ich mein Schoko-Croissant und meinen Kaffee aus und picknicke im Stehen. Ein mittelalterliches Paar mit frei laufendem Border Collie kommt mir entgegen. Ich habe keine Angst vor Hunden. Aber ich mag es auch nicht, wenn sie mich anspringen. Zum Glück ist der hier klein. Ich höre die Klänge meiner Kindheit: „Wat hamSe denn auf’m Brot? Schinken?“ Nee, Schokolade. Frauchen und Herrchen sind sich keines Erziehungsversäumnisses bewusst.

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Gestärkt laufe ich weiter und treffe auf das weltberühmte 😉 „Birgeler Pützchen“. Mein ganzes Leben lang kenne ich das Pützchen nur vom Hörensagen, eine Art Wallfahrtskapelle, von der im Dorf die alten Frauen geredet haben. Nie hat es mich hierhin gezogen. Aber nun bin ich da. Und mit mir noch einige andere.

Rund um die Kapelle gibt es überall fromme Zeichen, in Stein gemeißelt, in Holz geritzt.

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Ich laufe einen Kreuzweg entlang und treffe auf einen Friedhof.

Friedhöfe ziehen mich magisch an. Auch dieser hier. Ich kann nicht einfach vorbeigehen, ohne einen Blick auf ein paar Gräber geworfen zu haben. Dadurch werde ich auch den zweiten Hund des Tages los, der mich böse anbellt und der für meinen Geschmack eine sehr viel kürzere Leine bräuchte. „Die hat nur Angst!“  Vor mir etwa?

Mitten im  „Birgeler Urwald“ gibt es immer wieder Buchenblattinseln. Wie kleine Parkflächen. Ich bin längst ausgesöhnt mit meinem Heimatbesuch.

Dann führt mich der Weg raus aus dem Wald. Am Himmel braut sich was zusammen.

Ein Schild am Straßenrand verheißt eine Schutzhütte. Ich wandere auf einer Art „Hochweg“ entlang, rechts liegt ein Campingplatz, offenbar für Dauercamper. Sieht irgendwie nicht schön aus. Auch Wohnwagen und Vorzelte werden grün, wenn man sie nicht pflegt. Ein einziges Mal verlaufe ich mich und lande an einem Zaun rund um ein denkmalgeschütztes Haus. Der Blick lohnt den Abstecher.

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Bevor ich die Schutzhütte  erreiche, die im Jahr 2015 auch schon „Resi und Paul“  – allerdings vermutlich aus anderem Grund – Unterschlupf   geboten hat, ist der Regen schon vorbei. Der spektakuläre Himmel hat sich nur kurz aufgetan. Mich beschleicht das Gefühl, noch ein ganzes Stück vor mir zu haben und ein Blick auf die Wanderzeichnung der Aachener Zeitung bestätigt das. Ich habe getrödelt.

Jetzt aber wird der Urwald erst richtig schön.

Stege wie im „Hohen Venn“ führen durch den Morast und durch die Gräserlandschaft.

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Wenn ich irgendwann in einer Zukunft, von der ich bis vor kurzem dachte, sie sei nicht mehr fern, einen Garten haben sollte, ein winziges Stadtgärtchen, mit Hund, aber ohne Huhn, dann werde ich Gräser pflanzen.

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Bis dahin wandere ich weiter durch Hochmoor und Urwald, vorbei an Pilzen, Bächen, Lärchen, in alter und neuer Heimat.

Ein schöner Tag. Ein schöner Weg. Ich erreiche das Auto rechtzeitig vorm Dunkelwerden.

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Nach Hause findet man immer.

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Wanderung Nummer 11: Die Wasserlandroute

Neuer Bus, neues Glück: Der Winterbus fährt später ab. Also kann ich länger schlafen, muss aber ein bisschen schneller oder kürzer wandern, damit ich nicht im dunklen Wald verloren gehe.

Ich entscheide mich für schneller: Für heute habe ich mir die „Wasserlandroute“ ausgesucht, mutige 16 Kilometer lang, Startpunkt in Einruhr. Der wahre Grund für meine Entscheidung liegt im Wetterbericht: Es sollen erste Schneeflocken fallen. Und das tun sie auch. Aber natürlich „oben“, als der Bus hinter Roetgen um „Fringshaus“ herumkurvt. Es sind noch wenige Flöckchen, aber die Waldwege bekommen einen silbrig-weißen Schimmer. Wie schön!

Unten im Tal fällt – logisch – keine einzige Flocke.  Der Startpunkt der  „Wasserlandroute“ liegt zwischen Heilsteinhaus und Ortseingang und führt mich rechts einen Weg hoch, der mit einem Symbol beschildert ist, das ich nur an wenigen Stellen aus den Augen verlieren werde.

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Das erste Stück kommt mir bekannt vor, aber was macht das schon.

Ganz erstaunt stehe ich irgendwann an der Staumauer der Urfttalsperre. War ich hier nicht auch schon mal? Aber den Weg auf und über die Mauer habe ich „damals“ nicht entdeckt. Nur den Ausblick. Was für ein gigantisches Bauwerk!

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Auf der rechten Seite sehen See und Ufer seltsam tot aus. Unheimlich. Ein Mondkrater, gefüllt mit Wasser.

Ich gehe über die Mauer und gucke einfach nach links.

Rund um die Staumauer ist richtig was los! Drei bis vier Autos stehen auf einem kleinen Parkplatz.  Jetzt verstehe ich, warum in der Routenbeschreibung von „zahlreichen Einkehrmöglichkeiten“ die Rede war: Es gibt ein Ausflugslokal und Toiletten. Ich erwische eine Frau vor mir dabei, wie sie unter der 50-Cent-Hürde hindurchkrabbelt. In Ermangelung eines 50-Cent-Stückes krabbele ich hinterher. Die anderen Ausflügler sitzen drinnen.

Am Ende der Staumauerstraße bin ich wieder alleine und treffe auf ein paar Hinweisschilder in die nähere und fernere Umgebung:

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Als echtes Winterkind entscheide ich mich für den Weg  in Richtung „Nordost-Grönland-Nationalpark„. Einmal nach Grönland! Das ist mein Traum – spätestens seitdem ich es überflogen habe.

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Der Yellowstone ist mir eindeutig zu weit. Und das erste Wegstück hin zum  „Bayerischen Wald“ habe ich doch gerade hinter mir. Also los!

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Relativ unbehelligt und einsam wandere ich weiter. Einmal kommt mir ein Trupp Niederländer quasi direkt aus Grönland entgegen, dann wird es wieder still und ich treffe niemanden mehr. Es beginnt zu regnen, keine Flocken, sondern Tropfen, aber die Kapuze reicht, richtig nass werde ich nicht.  Die Äste und Zweige aber schon:

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Es ist grau und still, bis auf das leise Tröpfeln des Regens auf dem Blätterweg.

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Die „Wasserlandroute“ bleibt ihrem Namen treu: Links ruht der See. Still, aber nicht starr.

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Die Birken erinnern mich an meine Schwedenurlaube. Fast erwarte ich einen Biber. Der ein oder andere soll sich in dieser Gegend wieder wohl fühlen, so lese ich später in den mir vom Heilsteinhaus überlassenen Routenbeschreibungen. Es gab einen Schwedensommer, in dem wir nächtelang auf der Lauer lagen, um den Biber zu entdecken, der die Birken am  gegenüberliegenden Ufer zu Kleinholz verarbeitete. Einmal haben wir ihn durch den See schwimmen sehen. Durch den Björsjö! Lange her, aber immer noch präsent.

Für ein paar Minuten sehe ich am Himmel blaue Flecken. Ich halte an einer der zahlreichen Bänke und picknicke im Stehen. Zum Sitzen ist es zu nass. Dann laufe ich weiter und lande in Rurberg.

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Der Himmel wird erst blau und dann dunkler und dunkler. Optimistisch wandere ich weiter. Der Weg führt hügelan und ich bin wieder in einem Waldstück. Und dann kommt „mein“ Wetter: Der dunkle Himmel öffnet sich und jetzt graupelt es, was das Zeug hält! Der Weg wird weiß. Jedenfalls ein bisschen.

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Wer jauchzt und jubelt denn da so laut??? Ich stelle mich irgendwo unter einen Baum und versuche, in einer Hand den Regenschirm, Graupelfotos zu machen. Wackelig, aber eindeutig.

Dann höre ich ein anderes Geräusch. War das ein  Knall? Tatsächlich: Es donnert. Wie schnell können Gefühle kippen? Ich liebe Gewitter. Aber doch nicht draußen, unter Eichen, vor denen man weichen und unter Buchen, die man nicht suchen soll! Schnell weg hier! Der Weg ist rutschig. Ich komme an das einzige Wegstückchen, bei dem ein Stock in der Hand wichtig wäre und beschwöre mich: Du wirst dir hier kein Bein brechen! Geschafft. Unten. Seltsamerweise stehe ich an einer Lorbeerhecke. An einem verwunschenen Gitter.

IMG_2005Kurz darauf treffe ich wieder auf den See. Kein Donnerrollen, kein Graupelschauern mehr. Nur noch leises Plätschern. Alles ganz friedlich.

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Einruhr kommt in Sicht. Und ganz zum Schluss ein roter Vorbote.

Ich habe mir einen Kakao mit echter Sahne verdient.

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Verbindungen II

– Wolfgarten – Vancouver-Island –

Auf meiner Wanderung Nummer 10 – von Gemünd und wieder zurück – finde ich diese Holzskulptur. Ein grauer, aber freundlicher Kappenträger.

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Noch kein Totempfahl. Aber bestimmt steckt auch hier eine Geschichte dahinter. Wirklich weit reisen muss ich nicht, um besondere Begegnungen zu haben.

 

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Wanderung Nummer 10: Gemünder Runde

War ich jemals in Gemünd? Ich glaube nicht. Auch dieser wirklich hübsche Ort lag bisher außerhalb meiner gedanklichen Reichweite. Gemünd –  das liegt in der Eifel. Eifel – das bedeutet Plastikstühle, herbstliche Dekoration aus Jutebändern und Plastikkürbissen, forsche Seniorenwandervereine, Jugendherberge. „Mama“, sagt meine älteste Tochter, als ich ihr von meiner heutigen Wanderung berichte, „da war ich auf Klassenfahrt“. Eben! Sag ich doch!

Ich war auch schon öfter „auf Klassenfahrt“: in Bad Aachen (ja, tatsächlich. Es gab ein Jahr, da waren die Jugendherbergen in der Eifel ausgebucht). In Bad Münstereifel. In Bad Ems. In irgendwelchen Käffern, an deren Namen ich mich auch nach großer Anstrengung nicht erinnern kann. Am Gardasee. Aber das ist eine andere Nummer.

Heute fährt die „SB63“ zum letzten Mal.  Die Wandersaison ist zu Ende. Die Rucksäcke werden geleert, die Stöcke in den Keller gestellt, die Wanderschuhe geputzt und eingesprüht. Das jedenfalls ist die Meinung der ASEAG. Ich habe mir fest vorgenommen, sie zu überprüfen und zu widerlegen. Frostige Tage, Raureif auf den Wiesen und den unter Buchenblättern verborgenen Wegen, Nebelschwaden und im besten Fall Schneeflocken werden doch echte Eifelvereinmitglieder und solche, die es wie ich nicht werden wollen, nicht abschrecken.  Ich kann mich schon im „Hohen Venn“ entdecken, orientierungslos fluchend im Schneegestöber, nach roten und blauen Softshelljacken Ausschau haltend, in denen Menschen stecken, die über eine bessere Orientierung oder ein besseres GPS-Gerät verfügen als ich.

Heute morgen konsultiere ich wie jedes Mal kurz vorm Aufstehen das von Mark Z. ins Leben gerufene soziale Gesichtsbuch. Ich hoffe auf Nachrichten meiner neun Flugstunden entfernt lebenden Kinder – und werde nicht enttäuscht. Eine dieser Nachrichten enthält einen Link zur Mediathek des „Ersten deutschen Fernsehens“: Ist der Wald Medizin? Ein Film, in dem unser aller Lieblingskanadier mitspielen könnte.

In diesem Film geht es um die therapeutische Wirkung des Waldes. Um die Botenstoffe, die – von den Bäumen in meine Richtung gesandt – mir gute Laune machen. Tatsächlich ertappe ich mich auch bei dieser Wanderung mehrfach dabei, wie ich breit grinsend durch den Wald stapfe. Mich sieht ja niemand.

An dieser Stelle möchte ich mich für meine negative Kritik an meiner Wetter-App entschuldigen. Als ich wach werde, regnet es in Strömen. Fast bin ich versucht, mich im Bett nochmal rumzudrehen, aber die Aussicht auf einen Tag mit schlechtem Gewissen – die Schule ist eine Institution, der Sonn- und Feiertage völlig schnuppe sind, irgendeine Stunde will immer geplant, irgendeine Note will immer vergeben, irgendein Protokoll einer mehr oder weniger sinnlosen Sitzung will immer geschrieben werden – lässt mich nach meinem Lieblingsgerät und der darauf vorhandenen Wetter-App greifen. Die Aussichten für die Eifel sind gar nicht so schlecht, es gibt angeblich Regenpausen. Das wäre doch gelacht! Also los!

Die Busfahrt nach Gemünd dauert fast anderthalb Stunden. Und: Der Bus ist voll! Hä? Bei dem Wetter? Vorwiegend junge Menschen mit Regenjacken und Wollmützen diskutieren über sinnvolle Hosenlängen: „Hätte ich nur meine Dreiviertel-Hose mitgebracht!“ Es werden Erfahrungen ausgetauscht – „Also, ich hab in Köln damit angefangen.“, Prognosen erstellt – „Es soll ja gleich aufhören.“ – und Bananen gegessen. Etwa 500 Meter vor Einruhr wird mir alles klar: Heute ist Rursee-Marathon. Der Straßenrand ist zugeparkt, voll motivierte Menschen mit Sportzeug und Nummern auf Brust und Rücken   marschieren in Richtung Start- und Zielpunkt, der Bus fährt eine andere Haltestelle als üblich an, alle steigen aus. Nur ich nicht. Ein ganzer Bus, nur für mich allein. Ich tue ganz entspannt, aber irgendwie ist das komisch. Eine etwa ein Viertel-Jahrhundert alte Erinnerung wird wach:

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Ich sitze in einem vollen Bus und fahre durch die schon weit fortgeschrittene römische Nacht in Richtung Nonnenpension. Dort wohne und arbeite ich, unter der gestrengen Knute von – ja, tatsächlich – „Schwester Hildegard“. Rom bei Nacht ist etwas Besonderes. Es gibt so viel zu sehen! Es sieht alles so anders aus als tagsüber! Man merkt gar nicht, dass es an der fremden Busroute liegen könnte. Erst, als es draußen immer weniger zu sehen gibt und ich irgendwann alleine im Bus bin, wird mir schlagartig klar: Haltestelle verpasst – oder ganz falscher Bus! Der Fahrer fährt stoisch und ohne mich überhaupt wahrzunehmen dahin, wo er vermutlich immer hinfährt um diese Zeit: ins Busdepot. Das wäre auch in Ordnung, säße ich nicht zunehmend verängstigt – Entführung, Raub, Mord und Totschlag, Schwester Hildegard! – auf einem der hinteren Sitze. Ich will hier raus! Aber wo werde ich sein, wenn ich hier raus bin? Ich fasse mir ein Herz, wanke nach vorne, gebe mich zu erkennen und erwarte im besten Fall ein Anhalten am Straßenrand und ein Öffnen der Bustür. Wo ich hin will? Ich gebe meine Adresse durch. Mamma mia! Komplett andere Gegend! Aber – „Isch-schwöre!“, würden meine Schüler jetzt sagen – kein Problem für den römischen Busfahrer. Er dreht ab und fährt mich nach Hause. Nicht gerade bis vor die Tür der Nonnenpension, aber doch fast. Hinter den Mauern des Vatikans lässt er mich raus und ich brauche nur noch die Via delle Mura Aurelie hoch. Und finde den üblichen Zettel mit der Anweisung des morgendlichen Dienstes auf dem Treppenabsatz. Ein Glück, Schwester Hildegard hat nichts gemerkt. Sie wird mich zwei Wochen später trotzdem „entlassen“. Vielleicht kehre ich als Touristin nochmal zurück. Denn eigentlich ist es das perfekte Quartier.

In Gemünd hält der Bus an der Kirche und ich finde den Nationalpark-Info-Punkt und den Einstieg in den Wanderweg T7 fast auf Anhieb. Der Regen hat aufgehört und wird erst auf den letzten hundert Metern meiner Wanderung wieder einsetzen. Es ist kühl – ich vergesse immer wieder, dass die Eifel ein anderes Klima hat als die Stadt Aachen. Beim nächsten Mal werde ich meine Regenjacke mit dem dazugehörigen Fleece-Futter ausstatten müssen. Vielleicht auch eine warme Hose? Mal sehen.

Der Weg wird in der Beschreibung als „anspruchsvoll“ angegeben. Ist er aber nicht. Vielleicht ist der Aufstieg gemeint, der mich auf dem ersten Kilometer dann doch ins Schwitzen bringt. Aber sonst?

Ich stapfe durch Buchenlaub – wie schön das raschelt! – und ganz schnell, wie immer auf diesen Wanderungen, entspanne ich mich und mit mir entspannt sich meine Blase. Ich muss mal. Und auch, wenn doch vergleichsweise wenig Wandervolk unterwegs ist, muss ich nach einem Pipiplatz suchen. Vielleicht dort, hinter dem Verbotsschild? Von Sprengkörpern wie auf der Dreiborner Höhe ist hier nicht die Rede. Warum ist hier „Vorübergehend gesperrt“? Jagdsaison vielleicht? Könnte man mich für eine Wildsau halten? Schlagartig erschließt sich mir der Sinn der knallbunten Wandererjacken! Meine ist schwarz. Und das ist in manchen Situationen gar nicht so verkehrt.

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Wieder auf dem Weg finde ich eine nasse Bank, auf der ich meinen Proviant auspacke. Der Kaffee ist noch warm, das Croissant nicht mehr knusprig, ein mit seinem Frauchen vorbeilaufender Hund würde trotzdem gerne mal reinbeißen, darf aber nicht, und – was sage ich! – die Wolken lassen ein bisschen blaue Farbe und den ein oder anderen Sonnenstrahl durch – nur ganz kurz. Mir ist das aber egal, ich mag dieses nebelige graue Wetter, der Wald ist bunt genug.

Auf dem Weg finde ein Eichenblatt mit einer gelben Kugel, wenig später eines mit einer braunen. Sind das Gallen?

Als ich noch Biologie studiert habe – lang ist’s her – haben mich Gallen ebenso interessiert wie Moose oder Farne. Leider ist mir mein Interesse an der Sache im Laufe des  Unterrichtens immer mehr abhanden gekommen. Es ist schwer, den desinteressierten Blicken pubertierender „Kinder“ den eigenen Enthusiasmus zum Thema Gallen entgegenzusetzen. Kommt im Lehrplan ohnehin nicht vor.

Ich lese noch einmal nach, was ich eigentlich schon weiß: „Gallen“ – so schreibt der NABU“ –  „sind abnorme Veränderungen von Pflanzenteilen wie Wucherungen, Verdickungen oder blasige Gebilde auf Blättern, an Stängeln oder Wurzeln. ( . . . )Die fleischigen, kugeligen oder zipfeligen Objekte sind das Werk von Bakterien, Fadenwürmern, Milben oder Insektenlarven.“ Hm. Mich wundert, dass der NABU für ein Naturphänomen das Adjektiv „abnorm“ benutzt.

Die Gallen, die ich hier auf den Eichenblättern gefunden habe, stammen vermutlich von der Eichengallwespe. Die Weibchen legen ihre Eier auf der Blattunterseite ab. „Die daraus schlüpfenden Larven benetzen kleine Areale an den Blattrippen mit Speichel. Dieser enthält Wirkstoffe, die das Blatt veranlassen, rund um die Larven Gallen zu bilden. Im Inneren der Behausung entwickelt sich die Nachkommenschaft gut geschützt in einer Kammer.“  Die Abwehrstoffe der Wirtspflanze  sind Gerbstoffe, die von uns Menschen zum Gerben von Leder benutzt werden – auch heutzutage noch. „Aus Pflanzengallen wird auch die wertvolle Eisengallus-Tinte hergestellt. Sie ist absolut lichtecht und wird zum Unterzeichnen von Staatsverträgen benutzt.“ Bestimmt setzt Donald T. seine schwungvolle Unterschrift mit Tinte aus Gallen unter seine Dekrete. Wenn das die Wespen wüssten.

Ich laufe weiter. Ein bisschen bergauf geht es doch noch. Und dann lichtet der Wald sich, ein Gatter kommt in Sicht und eine schmale, asphaltierte Straße führt mich in den Ort „Wolfgarten“, von dem ich – wieso auch? – noch nie gehört habe. Bevor ich dort ankomme, treffe ich auf einen meiner kleinen, an dieser Stelle Realität gewordenen Wunschträume: Ich hätte gerne  🐔 🐔 🐔  Nur drei oder vier, der Eier wegen und wegen der Geräusche, die sie machen. Aber wo will man in der Stadt Hühner halten? Bei meinen Recherchen diesbezüglich stoße ich auf einen bekannten Aachener Bio-Hof. „Rent a Huhn“ ist die Devise. Das wäre ja noch was! Leider erfahre ich, dass die Schlachtung und der Abtransport des Eierproduzenten in den heimischen Suppentopf nach einem Jahr im Mietpreis inbegriffen  ist. Was ist das denn? Nur, weil die armen Viecher während der Mauser nicht regelmäßig legen, scheint der eierliebende Endverbraucher die Geduld zu verlieren und braucht ein neues Huhn. Nee, das ist nichts für mich. Aber vielleicht kann man Menschen finden, die mit mir eine Wiese pachten, um eine ähnliche Hühneridylle wie diese hier zu schaffen:

Der ganze Ort Wolfgarten ist eine einzige Idylle.

Hier ist alles so sauber und proper und es gibt Pflastersteine und Wegkreuze und liebevoll gestaltete Vorgärten und Fachwerk und Bruchsteinhäuser. Ich gerate innerlich ins Schwärmen und komme im nächsten Waldstück auf die Kehrseite der Idylle. Nichts ist, wie es scheint. Hohlköpfe gibt es überall, und hier machen sie sich breit:

Zum Glück lassen die Schilder sich leicht abkratzen. Mich beschleicht ein mulmiges Gefühl. Aber der Wald ist viel zu schön, um sich schlecht zu fühlen.

Und Regentropfen fallen erst auf der allerletzten Etappe, aber da retten mich der inzwischen geöffnete Info-Punkt mit seiner freundlichen Informantin und den sehr hübschen dort käuflich zu erwerbenden weihnachtlichen Wald-Dekorationsstückchen. Ich kann nicht widerstehen. Die Zivilisation hat mich wieder.

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Wanderung Nummer 8: Von Einruhr nach Einruhr

Dies ist tatsächlich die erste Wanderung, bei der ich mich nicht verlaufe.

Als ich um viertel nach Acht in den Bus „SB63“ steige, werde ich vom Busfahrer schon wie eine alte Freundin begrüßt. Es nieselt und der Tag sieht grau aus. Der Bus ist fast leer. Außer mir scheint niemand aus dem Bett gekommen zu sein. Ich bin frohen Mutes, das Wetter soll mir keinen Strich durch die Wanderrechnung machen.

Auf der Seite „www.ich-geh-wandern.de“ habe die für heute geplante Wanderung ab Einruhr entdeckt. Sie führt über die „Wüstung Wollseifen“ zur Staumauer der Urft und von da aus wieder zurück nach Einruhr. Insgesamt will ich etwa 16 Kilometer laufen, das ist für mich schon eine ganz schöne Strecke.

Von der Bushalte aus gehe ich noch ein Stückchen in den Ort hinein und finde gegenüber dem „Heilsteinhaus“ ein hölzernes Schild mit der Aufschrift „Wanderweg Wollseifen“. Hier bin ich richtig.

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Schnell führt der Weg aus dem Ort raus in ein Waldgebiet. Jede Menge Bänke zeugen davon, dass hier an sonnigen Tagen vermutlich mehr los ist als heute. Das Nieseln geht in leichten Regen über, ich habe schon Hunger, bevor ich richtig losgegangen bin. Also hole ich meinen Schirm und meinen Trauben-Käse-Proviant aus dem Rucksack, um für den weiteren Weg gerüstet zu sein. Ich denke darüber nach, was ich gestern bei Henning Mankell gelesen habe. Er sucht in seinem Buch „Treibsand“ nach Augenblicken in seinem Leben, in denen er große Freude empfunden hat. Er selbst kann sogar einen Augenblick benennen, der „jede andere Freude übertraf“. Aber er spricht auch davon, dass man keine Rangfolge freudiger Momente aufstellen kann.

Ich habe  auf den Wanderungen der letzten Sonntage immer wieder Augenblicke der Freude erlebt. Meist waren das die Momente, die mir ein „Guck dir das an!“ oder „Unglaublich!“ entlockt haben. Bei dieser Wanderung passiert der freudige Moment, als ich die „Dreiborner Hochfläche“ erreiche, die ich auch letzte Woche schon gestreift habe, allerdings von der anderen Seite. Auch hier lese ich zuvor die Warnschilder, die eindringlich von den Gefahren durch liegengebliebene Munition abseits der Wege sprechen. Ehemaliges Truppenübungsgebiet. Aber die Pipipause kann ich unmöglich auf dem ausgewiesenen Weg machen. Ab ins Gebüsch. Ich gehe mal davon aus, dass nichts unter meinen Wanderschuhen explodieren wird.

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Lebend und deutlich erleichtert komme ich wieder raus. Und treffe ein paar Meter weiter auf die Hochebene. Unglaublich! Hier wächst kein Heidekraut, aber die Ebene ist voll mit Ginsterbüschen. Jetzt sind sie dunkelgrün und nass, das Gras ist beigebraun verwelkt. Der Himmel ist wolkenverhangen, nur wenige blaue Flecken. Es weht und pustet. Meinen Schirm brauch ich nicht, die Kapuze reicht. Wie mag es hier wohl im Juni aussehen? Gelb. Gelb. Hellgrün. Gelb. Voller Menschen? Gut möglich. Der schmale Weg schlängelt sich weit sichtbar durch die Hochebene. Vor mir in gebührendem Abstand eine bunte Wanderergruppe. Weit genug weg. Ich höre sie nicht. Das ist gut. Menschliche Geräusche erscheinen mir  mitten in so viel Natur oftmals völlig unpassend. Sie klingen nicht. Stören. Gehören hier nicht hin. Aber der Wind, der heute hoch oben in den Baumwipfeln weht, das zarte Fiepen der Meisen, das passt. Es erinnert mich an  andere Augenblicke großer Freude. Die habe ich empfunden, wenn ich vor vielen Jahren am ersten Morgen als Karnevalsflüchtling im Sauerland aufwachte, das Fenster offen, die Geräusche gedämpft vom  Schnee – und vier ganze Tage vor mir, in denen ich dem Alltag mehr entfliehen konnte als auf manchem sommerlichen Italien-Urlaub. Wenige, kostbare Tage, das Schlafengehen hinausgezögert, um die Zeit zu verlängern.

Die „Dreiborner Hochfläche“ scheint riesig zu sein. Auf einem großen Stein am Wegesrand liegt ein rostiges Ding, das irgendwie nach Munitionshülse aussieht. Ohne nachzudenken schubse ich das Ding runter. Upps. Fast erwarte ich einen Knall, eine Explosion. Meine Fantasie geht mit mir durch. Das also sind die gefährlichen Überbleibsel aus der belgisch-britischen Zeit. Weitergehen. Die bunte Wandertruppe ist aus meinem Blickfeld verschwunden. Aber als ich die „Wüstung Wollseifen“ erreiche, treffe ich sie wieder. Sie haben das ehemalige Dorf schon durchstreift.

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Am Dorfrand entdecke ich auf der linken Seite einen Bunker. Kindheitserinnerungen. Zwanzig Jahre nach Kriegsende gab es immer noch Bunker mitten auf den Feldern zwischen den Dörfern. Mein Vater und Sprengmeister Paul Schweda jagten sie in die Luft. Bohrten nach einem wohl überlegten Muster Löcher in den Beton. Füllten die Bohrlöcher mit Sprengstoff und Sandröllchen, die verhindern sollten, dass der Sprengstoff aus den Löchern wieder rausflog. In meiner Erinnerung durchstreifen wir Kinder die Bunker, wohlige Schauer des Schreckens begleiten unser Versteckspiel. Die Sprengung beobachten wir aus sicherer Entfernung. Weniger aufregend war das Aufsammeln der zu weit geflogenen Betonbrocken. Dieser Wollseifen-Bunker sieht sehr einladend aus. Aber da sind die Verbotsschilder und die Wandergruppe und mein verloren gegangener Mut.

Die „Wüstung Wollseifen“ lässt sich übersetzen mit „Dorf in der Senke“. Das fasse ich hier mal abenteuerlich aus den verschiedenen Informationstafeln zusammen, die ich im Dorf finde. Weit über tausend Jahre ist es her, dass dieses Dorf zum ersten Mal in den „Kirchenbüchern“ auftauchte. Ich sehe Fotos von gleichermaßen entbehrungsreichen wie freundlichen Zeiten. Jungen mit kurz geschorenen Haaren, Mädchen mit weißen Kittelschürzen und Schleifen im Haar. Kommunionskinder vor der Kirche. Schulklassen vor der „Katholischen Volksschule“. Der Lehrer links, das „Fräulein“ rechts. Ähnliche Bilder liegen in Zigarrenkisten im Keller meines Elternhauses. Immer wieder kommt mir der Gedanke, sie zu sichten, zu ordnen, für die Nachwelt aufzubereiten.

Die Fotos finde ich im Gebäude der ehemaligen Dorfschule. Es ist neben der Kirche das einzige Dorfgebäude, das noch steht. Die anderen Häuser rund um den Kirchplatz sind mit Hausnummern versehene Rohbauten, die unteren Fenster sind zubetoniert. Der Wind pfeift gespenstisch um die Ecken dieser Häuser, die zu betreten noch strenger verboten als verboten ist. Ich stelle mir vor, wie ich das Verbot übertrete, in eines der Häuser eindringe, die doch ein idealer Zufluchtsort für Gestrandete sein könnten. Wer lebt hinter diesen Mauern, hinter denen nie jemand leben sollte? Wer hat sich häuslich eingerichtet und kommt am Abend, wenn die Wanderer und Biker längst verschwunden sind, aus seinem besetzen Haus auf den Dorfplatz? Wer zündet in der alten Kirche ein rot flackerndes Lebenslicht an?

Die rohen Häuser wurden von den Belgiern gebaut. Die Dorfbewohner, die Ende des 2. Weltkriegs ihr Dorf verlassen mussten, nach dem Krieg aber zurückgekehrt waren, wurden ein Jahr später innerhalb von drei Wochen von der britischen  Siegermacht vertrieben und über die umliegenden Ortschaften verteilt. Sie krochen bei Verwandten und Freunden unter, erneut heimatlos geworden, nachdem sie den Krieg irgendwie überlebt hatten. Britische und später belgische Soldaten nutzten das Dorf als Truppenübungsplatz, die Rohbauten, um den Häuserkampf zu proben.

Diese „Wüstung“ ist ein Dorf, dem nicht nur der Schrecken des zweiten Weltkriegs innewohnt, sondern auch die Ängste der kalten Nachkriegszeit. Obwohl das Wort „Wüstung“ nichts zu tun hat mit „wüst“ sein, roh sein, unbarmherzig sein, klingt es gewalttätig und passt somit entsetzlich gut zum gespenstischen Eindruck, den dieses Dorf hinterlässt. Ein Halloween-Ort. Die Toten wurden nach dem Brand der Kirche im Jahr 1955 umgebettet.

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Mit einem letzten Blick auf den Bunker lasse ich das Dorf hinter mir. Ab jetzt führen mich die Schilder in Richtung Urftstaumauer. Ein paar hundert Meter weiter sehe ich an der rechten Seite, auf einem der nächsten Hügel, die „Ordensburg Vogelsang“. Ich hatte keine Ahnung davon, dass sie so nah ist. Ein- bis zweimal war ich an diesem geschichtsträchtigen, unrühmlichen, nationalsozialistischen Ort, und ich habe mir vorgenommen, auf einer meiner nächsten Wanderungen dort zu landen und mir nicht nur für die Natur Zeit zu nehmen.

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Auf dem Weg zur Staumauer treffe ich nur sehr wenige Wanderer. Ich laufe durch Buchenwälder, ab und zu plätschert es neben mir. Ich sehe zwei Eichelhäher, die sich ins Tal stürzen, alte, umgestürzte, bemooste Baumstämme und irgendwann schimmert der See durch die Bäume. Der Blick vom kleinen Aussichtspunkt herunter ist in der Tat wunderschön, ein bisschen trüb heute, aber die gigantische Staumauer ist beeindruckend.

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Ein weißes Schiff der „Rurseeflotte“ kommt in Sicht, hält vorschriftsmäßig an einem Steg und fährt dann wieder weiter. Niemand steigt aus, niemand steigt ein. Fast wirkt auch dieses Schiff gespenstisch, es ist völlig leer, nicht einmal ein Steuermann ist zu sehen.

Eine Zeit lang wandere ich am See vorbei, auf der linken Seite ein ums andere Mal schroffe Felsen, die in schönen Farben leuchten. Buchenblätter hinterlassen orangefarbene Teppiche auf dem Seewasser. Ich höre nur meine Schritte im Laub und das Tröpfeln des Regens, wenn der Wind die Baumkronen durchpustet. Von der Staumauer aus führen mich die Hinweisschilder wieder in Richtung Einruhr. Erstaunt stelle ich fest, dass die angeblichen 16 Kilometer mir leicht gefallen sind. Ich rechne die Angaben auf den Hinweisschildern zusammen: Von Einruhr bis Wollseifen etwa 6, von der Wüstung bis zur Staumauer etwa 5, dann noch mal 5 bis 6 Kilometer nach Einruhr. Okay, passt.

In Einruhr gönne ich mir einen heißen Kakao mit Sahne. Inzwischen gibt es hier das ein oder andere hübsche Lokal, wenn auch die nach altem Zigarettenrauch müffelnden Gaststätten meiner Kindheit noch in der Überhand sind. Vermutlich gibt es „draußen nur Kännchen“. Und auch auf meinem zweiten heißen Kakao, den ich mir in einer „richtigen“ Gaststätte gönne, weil der Bus erst eine Stunde später fährt, schwimmt kunstvoll aufgehäuft die Sprühsahne.

 

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Wanderung Nummer 6: Durch die Teverener Heide

Oder: Alte Heimat-Route Eins

Die Wettervorhersage ist grottenschlecht: Regen, Schauer, 13 Grad, keine Spur vom „Goldenen Oktober“. Ich ertappe mich bei dem Gedanken, den Sonntag drinnen zu verbringen. Drinnen bedeutet: ein Buch lesen („Der Pfau“ von Isabel Bogdan), hinterm Laptop verschwinden und irgendwann für die Schule arbeiten. Dabei habe ich das gestern schon getan, um heute wanderfrei zu haben. Außerdem habe ich mir gestern ein Auto gebucht, für halb elf.

Ich wache gegen sieben auf und es regnet. Ich bemühe meine „Wetter-App“, die eigentlich nur dann zuverlässig funktioniert, wenn sie das Wetter ansagt, das ich auch vom Fenster aus mit eigenen Augen erkennen kann. Angeblich hört es gleich auf zu regnen und ist dann bis zwei Uhr trocken. Okay. Aufstehen, Auto umbuchen, Rucksack packen, los!

Ich werde es nicht bereuen.

Mit Hilfe von Herrn Google finde ich den Weg, lande aber auf den letzten Metern an einem anderen Wandererparkplatz als angedacht. Die Tourbeschreibung – es ist Tour 3 der „Auf geht’s“-Zeitungswanderrouten – legt aber drei mögliche Startpunkte fest, sodass ich genauso gut vom „Parkplatz Scherpenseel“ aus loswandern kann und als erstes Highlight die „Scherpenseeler Denne“ entdecke. Hier hat sich die Natur eine riesige Sandgrube zurückerobert und ich erfahre anhand einer Infotafel, dass sich hier 120 Wildbienenarten zu Hause fühlen. Auch ich fühle mich hier zu Hause, es ist trocken, jedenfalls von oben, mein Blick schweift über das sandige Heidegebiet und ich kann mir vorstellen, dass es hier bei Sonnenschein ganz schön heiß werden kann. Als Winterkind sind mir der Regen, der feuchte Modergeruch,  die Pfützen auf dem gut ausgebauten Weg fast lieber. Ich bin – wie soll ich es sagen – schlagartig vergnügt und sehr zufrieden mit der Entscheidung, das warme Bett und mein Zuhause früh verlassen zu haben.

Das haben allerdings auch andere Menschen getan. Auf dieser Route treffe ich deutlich mehr Spaziergänger, Radfahrer, Wanderer, Jogger als auf den bisherigen Touren. Das liegt vielleicht daran, dass das regenzeitlose Fenster nur vier Stunden dauern soll, vielleicht aber auch daran, dass sich die Tour insgesamt eher als Spaziergang entpuppt denn als Wanderung. Es ist trotzdem schön. Sehr sogar. Ich komme vorbei an kleinen Teichen und größeren „Tonseen“, an Heidekraut und Birken, an weißen, gelben, braunen und roten Pilzen. Ich glaube, dass ich in den letzten sechs Wochen insgesamt mehr Pilze gesehen habe als in den 20 Jahren zuvor.

 

Neben deutlich mehr Mitmenschen treffe ich auch deutlich mehr Hunde. Mehr Ziegen. Mehr Schafe. Schon wieder fühle ich mich an meine Kinderzeit auf dem Dorf erinnert: Es war immer wieder spannend, den „In-den-Stall-Trieb“ der Kuherde unseres bäuerlichen Nachbarn zu beobachten. Dem Muhen zuzuhören. Die Kuhfladen auf der Straße dampfen zu sehen. Hier und heute blökt und meckert es und es riecht streng nach Schafs- und Ziegenfell.

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Aber die Idylle trügt. Die „Tonseen“ sind ursprüngliche Naturwunden, die – seit den Neunzigern sich selbst überlassen – nun  Zwergtauchern und Libellen als Lebensraum dienen. Mir kommt das gigantische Loch des Braunkohletagebaus in den Sinn. Eine riesige Wunde, die vielleicht Generationen von Wanderern nach mir als Naturschutzgebiet präsentiert werden wird. Wie wird sich die Natur dort ihren Weg bahnen?

Der Weg durch die Heide ist mit gelben Wegstreifen gut gekennzeichnet. Ich verlaufe mich kein einziges Mal. Nachdem ich am „Parkplatz Hohenbusch“ vorbei an Lösch- und Fischteichen gewandert bin, komme ich an  einem weiteren Stück trügerischer Idylle vorbei. Rechts neben mir säumen Bäume, Moos, Pfützen den sandigen Weg,  links ein großer grüner Stacheldraht-bewehrter Zaun. Er trennt die NATO-Airbase vom Rest der Heide ab, und auch, wenn man von der Base selbst kaum etwas sieht oder hört, ist es seltsam unpassend.

Ein langes Wegstück begleitet mich dieser Zaun. Dann macht mich eine rote Hinweistafel auf den „Wiggelewak“ aufmerksam und ich lerne, dass es sich dabei um ein Moor handelt, das sowohl vom Grundwasser als auch vom Regenwasser gespeist wird und so empfindlich ist, dass es nicht einmal Trittspuren verzeiht. Überhaupt sind die Hinweistafeln hier schön geschrieben und informativ, sodass ich Lust habe, sie zu lesen. Das ist nicht immer so.

Irgendwann verlasse ich den Zaun, die Air-Base, den Wald, treffe am Waldrand auf einen Reiter und folge eine Zeitlang der eleganten Bewegung eines fuchsbraunen Pferdehinterns. Wieder im Wald laufe ich vorbei an riesigen, auch schon braun gefärbten Farnen und finde das „Grotenrather Püttchen“. Hier erfahre ich, dass es sich um eine ehemalige Quelle handelt, zu der man früher das Vieh getrieben hat, die aber durch den Sand- und Kiesabbau der neunziger Jahre versiegt ist. Man kann nur noch vage erahnen, dass der „Pütt“ ein Brunnen war. Und dann bin ich auch schon am Ende meiner Wanderung, die trotz einer Picknickpause nur knapp zweieinhalb Stunden gedauert hat. Ich fand’s schön, werde vielleicht im Winter noch einmal zurückkommen, wenn die riesigen rotbraunen Farne endgültig am Boden liegen, die kleinen Teiche und Seen gefroren sind, vielleicht sogar Schnee unter meinen Wanderschuhen knirscht. Ich fand’s schön, trotz der NATO-Air-Base und trotz der Hinterlassenschaften umweltdummer Mitmenschen, die Plastikflaschen und Tempo-Tücher-Verpackungen und Bonbonpapierchen und Blondinen auf dem sandigen Heideweg vergessen haben.

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Hiking, Wandern, Unterwegs sein

Wanderung Nummer 4: Die Getzbach-Route

Schon nach drei Wanderungen merke ich: Die Routen der Aachener Zeitung sind mir nicht mehr genug. Ich will mehr. Mehr Wald. Mehr Ruhe. Mehr Natur. Mehr Moor.

„Haus Ternell“ scheint mir hierfür der geeignete Startpunkt zu sein. Ich behaupte, dass fast jeder Aachener meiner Generation diesen Namen schon einmal gehört hat. „Haus Ternell“ steht irgendwie für das „Hohe Venn“, steht für die Landschaft, bei deren Erwähnung ich jahrelang eher zusammengezuckt bin und freundliche Ausreden gesucht  und gefunden habe: „Sollen wir einen Spaziergang machen? Vielleicht durch’s Hohe Venn?“

Jetzt aber, mit dem in vier Kanada-Sommern gewachsenen Sinn für’s Draußensein, mit der Überlegung, was im Leben wichtig ist und was nicht, mit dem Gedanken, was ich denn heute noch tun würde, wenn es mein letzter Tag wäre, klingt das „Hohe Venn“ nach augen- und ohrenfreundlicher Umgebung, nach Waldduft, nach an meinen neuen Wanderschuhen saugenden schlürfenden und matschenden und moorigen Wasserlachen. Im Matsch spielen gehört nicht zu meinen prägendsten Kindheitserinnerungen. Wohl aber die: Ich lande mit einem bis dahin weißbestrumpften Bein in einer Öltonne. Und stecke vor Schreck das andere Bein auch noch rein. Wer A sagt, muss auch B sagen. Entsetzen, Verstecken, sinnlose Waschversuche, ungläubige Blicke meiner Eltern. Gab’s Prügel? Lachanfälle? Ich weiß es nicht mehr.

Jetzt also das Moor. Dieses Mal muss für die Anreise wieder das „Cambio“-Auto herhalten. Am Ende wird mich diese Wanderung ungefähr 20,- € kosten – aber besser konnte ich meinen Sonntag nicht verbringen!

Fast schon routiniert packe ich meinen blauen Rucksack, drucke meine Google-Anreise aus, lade mir die „Getzbach-Route“ als Offline-Karte aus der „Komoot-App“ auf meinen iPod und fahre los. Startpunkt der Reise ist das bereits erwähnte „Haus Ternell“, an dem ich vor vielen Jahren einmal gelandet bin, ganz bestimmt nicht aus eigenem Antrieb, und das über einen Parkplatz verfügt, der proppenvoll ist, denn: Hier kann man auch essen! Meine Erfahrung lehrt mich, meinen Startpunkt nicht eigenmächtig zu verlegen, zumal ein schneller Blick auf meine Offline-Karte und auf mein Handy mir klarmachen, dass ich mich hier erneut auf mich selbst und diverse Hinweisschilder verlassen muss. Die Aussage der auch hier freundlichen Info-Center-Dame „Da hinten, an der Tafel mit der Wanderkarte, funktioniert das GPS wieder“ trifft für mich und meine Gerätschaften nicht zu. Irgendwas mache ich falsch.

Ich suche mir also eine Parkmöglichkeit irgendwo an einer Waldeinfahrt, hoffe, dass mein Auto nicht zu tief im weichen Lehmboden versinkt und gehe unter Einsatz meines Lebens – die Straßenstrecke ist so marode, dass ein Spaßvogel ein Schild mit dem Titel  „Highway to hell“ aufgestellt hat, und die häufig deutschen Autofahrer verstehen das  offenbar als Einladung zum Rasen – zum Startpunkt zurück, um mit der freundlichen Wanderführerin zu besprechen, worauf ich achten muss. Sie drückt mir – überzeugt von meinen Fähigkeiten, mich damit zurechtzufinden – eine Wanderkarte in die Hand, warnt mich vor dem ersten Stück des Weges bis runter zum Getzbach – „Danach ist der Weg gut ausgebaut und ganz einfach zu laufen“ – und hofft, mich vor Schließung des Info-Lokals wiederzusehen. Das wird nicht klappen. Ich werde für diese Strecke viel länger brauchen als die angegebenen dreieinhalb Stunden. Wegen meiner leckeren Picknick-Sachen, wegen des zu schnuppernden Wald-Duftes, wegen der machmal fehlenden Hinweisschilder – dieses Mal muss ich auf ein grünes Kreuz  +  achten – und der daraus resultierenden Umwege.  Gegen sechs Uhr werde ich unruhig werden, in die falsche Richtung laufen – weit und breit kein grünes Kreuz auf weißem Grund, dafür aber ein großer grüner irreführender Pfeil – mich fragen, wie ich ohne funktionierendes Handy nach einer Waldnacht morgen früh mein Nicht-Erscheinen in der Schule erklären soll – und auf ein junges Paar treffen, das mich auf Englisch darüber aufklärt, dass „House Töörnell“ da hinten um die Ecke liegt. Ich erinnere mich an den Struffelt-Stein. 😂 Und stelle fest: Ich muss wieder lernen, mich auf meine Ohren zu verlassen. Der „Highway to hell“ ist ziemlich deutlich hörbar.

Der Abstieg ins Getzbach-Tal erweist sich als glitschig, matschig, rutschig. Leider liegt hier kein Ast am Wegesrand, auf dem ich mich abstützen könnte. Ich schaffe den Abstieg, der länger ist als vorher vermutet, ohne mir Hals und Beine zu brechen und auch, ohne im Matsch zu landen. Neben dem Plätschergeräusch des Baches höre ich muntere Unterhaltungen mehrerer Wandererkollegien, die mich beunruhigen: Sollte dies hier die Hauptstrecke der sonntäglichen Venn-Fans sein? Muss ich etwa die Natur mit Haufen von Aachenern teilen, die sich wie ich nach Ruhe sehnen, gefährliche Rutschpartien in Kauf nehmen und dann statt dem Blätterrauschen zu lauschen unfreiwillige Teilhaber tief schürfender Gespräche über Sinn und Zweck der Briefwahl für Wanderer werden? Wird Martin Schulz neuer Bundeskanzler? Sollte auch ich das nächste Mal Briefwahl beantragen, um rechtzeitiger auf der Wanderstrecke zu sein und drohendem Verirrungs-Dunkel im belgischen Venn besser vorbeugen zu können? Wann kaufe ich mir Wanderstöcke?

Ich lande am Getzbach. Sehe einen grünen Pfeil auf weißem Grund. Finde beides auf der Wanderkarte. Wende mich nach links. Ein gut ausgebauter Weg. Für mich allein. Beruhigendes Bachplätschern. Zeit für die ersten blauen Trauben.

 

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Die „Getzbach-Route“ führt mich am Bach vorbei, durch Buchenwälder, hügelauf, hügelab, über breite helle Wege, dunkle rutschige Pfädchen, über kleine Brücken, Stolpersteine, glitschige Wurzeln und herumliegende Äste, von denen ich mir den ein oder anderen greifen muss, um eine Stütze zu haben. Kurzum: Ich finde die Route nicht ganz so bequem, wie mir die Wanderführerin suggeriert hatte. Das liegt sicher an unseren unterschiedlichen Wander-Erfahrungen. Der Weg ist schön. Abwechslungsreich.    Anstrengend. Zumindest für mich. Es ist wenig los. Bis auf eine deutsche Familie und eine Englisch sprechende Gruppe junger Leute begegne ich niemandem mehr. Der überwiegende Teil führt durch den Wald. Lange laufe ich am Getzbach entlang, irgendwann durch offenere Wiesen- und Heidelandschaft.

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Ich treffe auf fette rote Fliegenpilze, die in den Büchern meiner Kindheit als gefährlich giftig beschrieben wurden, und die ich bisher sehr selten „in echt“ gesehen habe. Überhaupt scheint es ein Pilzjahr zu sein. Selbst meinem ungeübten Auge fallen die vielen verschiedenen Pilzsorten auf, die aus totem Holz sprießen, am Wegesrand stehen, unter braunem Laub hervorlugen. Nicht selten finde ich einen Steinpilz. Oder das, was ich dafür halte. Meine Hand ins Feuer legen würde ich dafür nicht.

 

Gegen Ende des Weges treffe ich auf den Ternell-Bach. So sagt jedenfalls die Karte, die ich dann doch bemühen muss. Schilder mit grünem Kreuz? Mangelware. Irgendwann wird auch klar, warum: Ich habe mich verlaufen. Und da ich spät losgegangen bin an diesem Wahlsonntag, wird es irgendwie auch schon dunkler im dunklen Wald. Zurück zur falschen Abbiegung. Den anderen Weg. Da hoch? Okay. Erleichterung am nächsten grünen Kreuz.

Der Rest des Weges ist Geschichte. Siehe weiter oben. Das Ergebnis des Wahlsonntags auch. Kurz nach Schließung der Wahllokale schließe ich die Tür meines Cambio-Autos auf. Drücke auf den Radio-Knopf. Angie und Martin haben herbe verloren. Martin ist sauer. Angie muss nach Jamaika. Und ich nach Hause. Die AFD wird sich selbst zerfleischen. Die Welt wird nicht untergehen. Der Wald wacht weiter über seine Wanderer.

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Hiking, Wandern, Unterwegs sein

Wanderung Nummer 3: Noch mal Struffelt

Jetzt aber! Neue Wanderschuhe, neue App. Kann da noch was schief gehen?

Ich kenne mich. Es kann.

Daher probiere ich meine neuen Errungenschaften lieber da aus, wo ich mich „auskenne“. Inzwischen habe ich gelernt, mein liebstes Gerät, meinen pink-farbigen iPod touch, per Handy-Hotspot mit dem www zu verbinden. Ich bin sehr gespannt, ob meine „Komoot-App“ auch mir mit einem blauen Pfeil die richtige Richtung anzeigt.

Nein. Tut sie nicht.

Nachdem ich mich dabei ertappt habe, auf der mir bereits vertrauten Bank am kleinen Moor-Weiher auf meine nicht ganz so smarten Geräte statt auf die Landschaft zu starren, stecke ich beides frustriert weg und mache mich auf den Weg. Ganz schnell löst sich der Frust in Wanderlust auf. Das ist es doch, was ich wollte: Ruhe, Gelassenheit, Naturgeräusche, echte Bilder!

Ich kenne den Weg. Ich staune an den gleichen Stellen. Ich beschließe, meinen iPod wieder rauszuholen und die echten Bilder festzuhalten. Für mich. Für meine Freunde. Für diesen Blog. Für wen oder was auch immer.

Wie schön es hier ist!!!

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Und dieses Mal entdecke ich auch die Hinweisschildchen, die ich eine Woche zuvor verpasst habe. Keine laute Landstraße, an der ich entlanglaufen muss. Eine Dorfstraße. Ein Künstler am Werk.

Ein Weg durch Wiesenlandschaft. Die Talsperre. Meine Wanderschuhe bewähren sich beim „Klettern“. Ich rutsche nicht ab.

Keine Sonne heute. Und vielleicht kommt mir deshalb Annette in den Sinn:

„Oh schaurig ist’s übers Moor zu gehen“

Es nebelt. Es tröpfelt. Es ist wunderbar.

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Wanderung Nummer 1: Die Felspassage

Oder: Man kann’s ja mal versuchen!

Man liest viel: Plötzlich können die Bäume sprechen, kommunizieren, miteinander und mit uns, sie senden Stoffe aus, die schon nach wenigen Minuten unser Herz weiten, unseren Sinn für’s Wichtige im Leben schärfen, uns schlicht beruhigen.

In Kanada, BC, liebe ich den „Forest,“ die riesigen alten Bäume, ihren Geruch, die Wald-Geräusche: das Blätterrauschen und -rascheln, das Knarren der Äste und Baumstämme, die Stille.

Es ist Corey, der mir die Baumarten erklärt, die Grandmother-Trees zeigt und die Cranberry-Büsche, die bevorzugt auf vermoderten Baumstümpfen wachsen.

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Ist das hier auch so? Die leisen Wald-Geräusche, die Ruhe, die Stille?

Ich will es ausprobieren. Schon länger. Und deshalb habe ich mir sieben „Auf geht’s“- Flyer unserer „Aachener Zeitung“ aufbewahrt, in denen mir „Die schönsten Wanderrouten der Region“ ans Herz gelegt werden. Tour 1 ist die oben erwähnte „Felspassage“.

Sehr zu meiner Erleichterung erfahre ich, dass diese Strecke durchgehend durch das Schild mit der Nummer „07“ gekennzeichnet ist. Da kann man sich ja nicht verlaufen. 😉

Die Strecke „07“ beginnt am Nationalpark-Infopunkt „Zerkall“ in der Eifel. Um 9.18 Uhr steige ich in den Zug nach Düren, im Gepäck Käse und Trauben, Kaffee und Wasser, Blasenpflaster und Regenschirm. Ein Buch. Man weiß ja nie. Alles passt in meinen kleinen, seit Jahren nutzlos herumliegenden blauen Rucksack.

In Düren steige ich um in die Rurtalbahn. Ich bin nicht die Einzige. Mit bangem Blick mustere ich den kompletten Eifelverein. EIFELVEREIN. Ein Begriff, der mein Leben lang der Inbegriff  für Biederkeit, Langeweile und CDU-Wähler stand. Im Jeansröckchen, mit nackten Beinen und meinen alten Turnschuhen sitze ich vollständig ausgerüsteten Senioren gegenüber. Wanderstöcke, Wanderschuhe, Hosen, deren Beine man mit einem Reißverschluss nach Bedarf und Wetterlage abkürzen bzw. verlängern kann. Die Bahn ist voll. Ich befürchte Schlimmes.

Meine Befürchtung erweist sich als haltlos. Ich bin die einzige, die in Zerkall aussteigt. Ein Bahnsteig, ein Fluss, eine Brücke, ein Info-Punkt, eine freundliche Dame, die mir dort eine Rückfahrkarte verkauft und sich darüber freut, dass ich als Neu-Wanderin gerade hier losgehen will. „Das wird Ihnen gefallen!“

13 Kilometer lang ist mein Wanderweg, und auf Anraten der Info-Dame gehe ich ihn andersherum als im Flyer vorgesehen. Düster ist es im Wald, wenig Licht fällt durch die Bäume. Es riecht nach feuchten Blättern, nach Moos, nach Erde. Niemand da, nur ich. Stille.

Aber es dauert nicht lange, da höre ich einen erstaunten Ausruf. Der stammt von mir – und entfleucht mir bei diesem Anblick:

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Ein riesiger Fels türmt sich unvermittelt am Wegrand auf. Wahnsinn! Klar, die Felspassage. Aber so spektakulär hätte ich mir die Felsen hier nicht vorgestellt.

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Mehrere Brocken aus Buntsandstein, die laut „Auf geht’s“-Flyer 220 Millionen Jahre alt sind, säumen den Weg. Ich bin beeindruckt. Ich weiß nicht, was ich erwartet habe. Sollte es in meiner Heimat auch kanadische Ecken geben? Muss ich gar nicht weit fahren, um meinen „Zurück-in-Deutschland“-Schock zu heilen? Sollte es zwischen zwei Kanada-Sommern auch im restlichen Jahresverlauf „Natur-Zeiten“ geben? Ist der EIFELVEREIN doch kein verhinderter Kegelclub? Braucht man Wanderstöcke?

Mich beschleicht die Ahnung, eine gewisse Arroganz gegenüber Menschen zu pflegen, die durch den Wald stapfen und „07“-Schilder an Baumstämme nageln, damit Karten-Analphabeten wie ich wieder nach Hause finden.

„Selbsterkenntnis ist der erste Weg zur Besserung!“ Ein Spruch meiner Kindheit.

Ich wandere. Je länger ich wandere, umso heller wird meine Stimmung. Geradezu euphorisch meistere ich das Auf und Ab der Waldwege. Ich komme an eine Waldkapelle, die von einer enthusiastischen Arbeitsgemeinschaft  an eine Stelle gebaut wurde, an der man das Staubecken Obermaubach überblicken kann. Manchmal verliere ich die „07“ und muss ein Stück zurück, aber das macht nichts. Wenige Wanderer kommen mir entgegen, manche überhole ich. Eine Frau mit zwei Berner Sennenhunden erklärt mir die beruhigende Sicherheit durch die Wander-App „Komoot“. Ansonsten rede ich 13 Kilometer lang mit Niemandem,  und das ist auch gut so. Doch! Unten am Staubecken lasse ich mir im „Haus Stepp am See“ meinen Kaffeebecher wieder auffüllen. Eine kleine Pause mit Blick auf’s Wasser, dann geht’s weiter.

Am Info-Punkt setze ich mich ans Flussufer. Ein Angler steht mitten im Wasser. Eine Gruppe von Kanus kommt vorbei. Die Sonne scheint. Es ist warm Ich bin müde.

Ab in die Rurtalbahn. In die Euregio-Bahn. Nach Hause. Ein langer Tag. Können Bäume sprechen? Ich glaube, schon. Brauche ich Wanderstöcke? Ich weiß noch nicht.

 

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Wanderung Nummer 2: Die Struffelt-Route

Links rum, rechts rum oder doch besser zurück?

Voller Enthusiasmus stürze ich mich auf die zweite „Zeitungswanderung“: Der „Struffelt“ – ein Teil des „Hohen Venns“ will erforscht werden.

Das „Hohe Venn“ ist mir natürlich ein Begriff: Hochmoor vom Feinsten. Ich erinnere mich an einen Betriebsausflug und an die blonde Kollegin, die sich mit High Heels auf den Weg machte, Moorhühner und Birkhühner mit ihrer Schönheit zu beeindrucken. Sie fand genug männliche Ritter, die sich ihrer annahmen, wenn die Absätze in den Stegbrettern steckenblieben.

Vom Struffelt hatte ich hingegen noch nie gehört. Ebenso wenig von der „Dreilägerbachtalsperre“, die als eines der Highlights des Weges gilt. Am gleichnamigen Parkplatz sollte die Route beginnen. Und da fing das Problem schon an: Karten lesen gehört nicht gerade zu meinen Stärken, mein Handy verweigerte den GPS-Dienst und schon fuhr ich hin und zurück, um mich dann für irgendeinen Parkplatz zu entscheiden, an dem ein Wegweiser in Richtung „Struffelt“ wies. Konnte ja nicht so falsch sein. War es auch nicht.

Übrigens liegt der Parkplatz direkt hinter Rott, an der Bundesstraße.  Und auch, wenn ich die Gegend schon mehrfach durchfahren habe, war mir überhaupt nicht bewusst, dass sich hinter den Bäumen am Straßenrand (die sieht man an der Autobahn schließlich auch) ein „richtiger“ Wald auftut. Ich habe mich einfach nicht wirklich dafür interessiert. Das ist jetzt deutlich anders, Kanada sei Dank.

Ich marschiere los. Und irgendwann entdecke ich auch das erste Hinweisschild des Eifelvereins: Struffelt-Route. Perfekt.

Nachdem ich die ersten Spaziergänger hinter mich gelassen habe, ist um mich herum nur noch Natur. Mir wird klar, dass es hier egal ist, wer ich bin, woher ich komme, wie ich aussehe. Viele Bäume hier sind schon länger da als ich, die meisten werden mich überleben. Ich könnte poetisch werden: Irgendwie fühle ich mich aufgenommen, geborgen . . .

Und dann das: Abseits des gut ausgebauten Weges (Deutschland, nicht Kanada! Das bisschen Wald muss herausgeputzt werden und vorzeigbar sein 😀)  plätschert es: ein kleiner Steg, ein Weiher, eine Bank mit dem Blick auf moorige Graslandschaft. Und ich, ganz allein.

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Hier könnte ich sitzen bleiben. Und tu es auch. So lange, bis ich andere Wanderer ankommen höre.

Ich laufe weiter. Der Weg ist gut erkennbar, manches Mal hoffe ich tapfer auf das nächste Hinweisschild. Neben mir plätschert es, dann rauscht es lauter. Ich lande am Vorbecken der Talsperre.

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Sonst immer eher flott unterwegs, muss ich hier darauf achten, nicht über Steine zu stolpern oder auf Wurzeln auszurutschen. Ich bleibe oft stehen. Mal, um den Waldduft zu schnuppern, mal, um dem Plätschern der Rinnsale zuzuhören, mal, um nach den Hinweisschildern zu fahnden.

Irgendwann lande ich an der Bundesstraße und interpretiere die Pfeilrichtung falsch. Am Parkplatz der Dreilägerbachtalsperre wird mir klar, wo ich hätte starten müssen. Ich kraxele hoch, diesmal in munterer Gesellschaft von wandernden Senioren – zu denen ich mich inzwischen wohl auch zählen sollte. Alle bestens ausgerüstet: Wanderschuhe und Stöcke. Ich schaffe die Kraxelei ohne größeren Unfall und stehe an der Talsperre, von der ich vorher noch nie gehört hatte, obwohl sie „um die Ecke“ liegt.

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Und wohin jetzt? Immerhin habe ich den Ausgangspunkt eigenmächtig verlegt. Aber ein Rundweg ist doch rund, oder? Ich bin mir da nicht so ganz sicher. Beim Weiterwandern wird mir dann klar, dass ich das Ganze von hinten aufgezäumt habe. JETZT kommt das eigentliche Highlight: das Moor, die Stege, das Heidekraut.

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Ich wäre begeistert, schliche sich da nicht die Sorge ein, das (Leih)-Auto nicht mehr rechtzeitig zu finden. Hinweisschilder finden sich immer noch, aber ich habe das Gefühl, den Kreis noch mal von vorn zu durchlaufen. Ich könnte die inzwischen zahlreicheren Spaziergänger fragen, aber wie peinlich ist das denn? Noch bis zu dem Stein da. Nee. Das hat keinen Zweck.

Ich kehre um. Laufe an der Landstraße entlang, in die hoffentlich richtige Richtung. War das wirklich sooo weit??? Ja. War es. Da hinten, „mein“ Auto. 🚗 Erleichterung. Und jetzt werde ich übermütig! Das kann doch nicht sein. Rundweg ist Rundweg. Und deshalb fange ich noch mal von vorn an. Und entdecke, dass „der Stein“ zwanzig Meter vor dem Rundweg-Ende liegt. Uppps!