Allgemein · Lesefutter

Treibsand

Ich bin eigentlich kein Krimi-Fan. Den „Tatort“ gucke ich schon lange nicht mehr. Zu realistisch. Zu sehr in der Welt, in der ich lebe. Zu sehr gut möglich.

Ich lese eigentlich auch keine Krimis. Mord und Totschlag interessieren mich nicht, weil sie mir Angst machen. Was mich interessiert, sind aber die Hintergründe. Was treibt Menschen an, so zu handeln? Könnte auch ich so neben meiner Spur laufen, dass ich Dinge tue, die ich normalerweise weit von mir weisen würde?

Deshalb, und nur deshalb, habe ich jede Menge Bücher in meinem Regal, die eigentlich „Krimis“ sind. Krimis zweier Schriftsteller, zweier Schweden: Arne Dahl und Henning Mankell.

Ganz ohne Wenn und Aber zählt Henning Mankell zu meinen liebsten Autoren. Ganz bestimmt war sein Kurt Wallander ein Mensch, der mich dermaßen fasziniert hat, dass die Morde, die er aufzuklären hatte, die Brutalitäten, mit denen er und somit auch ich als Leserin der von seinem Schöpfer Mankell ausgedachten und beobachteten unmenschlich menschlichen Handlungen als Beiwerk gelten konnten. Sie ließen mich seltsam unberührt, hielten mich auf Distanz. Wallander, der Kommissar, der Mann, der Mensch, dessen Leben sich rund um seine schwer aufzuklärenden Fälle abspielte, der versuchte, dieses Leben trotz all der ausgelöschten Leben, mit denen er konfrontiert war,  einfach zu leben, war die Figur, die mich interessierte und niemals kalt ließ. Ich habe diese Bücher, die Krimis, mehrfach gelesen. Und sie stehen deshalb noch in meinem Bücherregal, weil ich sie wieder und wieder lesen werde. Natürlich weiß ich schnell wieder, wer denn der Mörder war. Aber das ist zweitrangig. Wichtig sind mir die gefühlte Nähe zur Hauptfigur, die atmosphärische Situation, die Ängste, die Sorgen und Nöte, die Freude, die Müdigkeit.  Das Menschsein.

Letzte Woche habe ich es – trotz Klassenfahrt – geschafft, Mankells „Treibsand“ zu lesen. Es ist sein letztes Buch, geschrieben wegen und trotz seiner Krebsdiagnose. Wovon handelt es?  Davon „Was es heißt, ein Mensch zu sein“. Ich würde es fast eine „Episodenmonografie“ nennen, die einzelnen Kapitel lose zusammengehalten durch die immer mal wieder auftauchende Krebserkrankung, die so viele Gedanken auslöst über das gelebte Leben, die für jeden Menschen ungewisse Zukunft, die Sterblichkeit. Es ist ein Buch, das sich oberflächlich sofort erschließt, man kann es „runterlesen“, es klingt gut, viele Gedanken sind sofort fassbar. Warum habe ich nie über die Dinge nachgedacht, die hier niedergeschrieben sind? Vieles handelt davon, was wir heutigen Menschen unseren Nachfolgern auf der Erde hinterlassen werden.

Wenn ich jetzt schreibe, dass Mankell schon in einem der ersten Kapitel darüber spricht, dass wir kommenden Generationen den Abfall unserer Atomkraftwerke hinterlassen, dass dieser Abfall hunderttausend Jahre „haltbar“ ist und somit eine tödliche Gefahr für eventuelle Finder darstellt, vor der wir sie warnen müssen – aber wie?, dann hört es sich an, als schriebe er über Umweltprobleme – und ich fürchte, viele potentielle Leser würden sein Buch nicht in die Hand nehmen, es wieder weglegen, weil sie des Themas überdrüssig sind Aber es ist kein Buch über Umweltprobleme. Es ist ein Buch über Freude, Ängste, Sorgen, über das „Miteinander umgehen“, über Sprache als eine der wesentlichen typisch menschlichen Möglichkeiten. Auch Kurt Wallander, mein Lieblingskommissar, taucht hier auf, während Mankell selbst am Strand entlangläuft, um zu erforschen, mit welchen Gefühlen sein Kommissar  hier konfrontiert wird, welchen Gedanken er hier nachhängt. Es ist ein schönes Buch, macht nachdenklich, aber niemals traurig, denn Mankell nimmt mir auf seine Weise die Angst vor dem jeden von uns treffenden Ende.

Eine Stelle freut mich sehr. Mankell, ein Vielleser, ein hoch gebildeter Mann, der mir mit seinem Buch den Auftrag erteilt, mich noch einmal über meinen beschränkten Lesehorizont zu wagen und das Lernen nicht aufzugeben, denn auch das heißt „Menschsein“, schreibt, dass ihm während seiner Chemotherapie ein Stapel neuer Bücher neue Freude schenken soll. Aber er kann sich nicht auf das Neue einlassen. Er legt die Bücher wieder zur Seite. Und holt ein schon gelesenes aus seinem ohne Zweifel vollen Regal. Das Bekannte schenkt ihm Ruhe und Trost.

„Treibsand“ ist kein „leichtes“ Buch. Es ist leicht zu lesen. Aber es enthält Stellen und Kapitel, die unter und zwischen den Zeilen viel Nachdenkenswertes enthalten. Es will mehrmals gelesen werden.

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Henning Mankell ist inzwischen tot. Seine Bücher aber werden in vielen Bücherregalen der Welt noch lange, lange stehen. Aus meinem werden sie immer wieder herausgeholt werden. Vielleicht fange ich noch mal an, mich Kurt Wallander zu nähern, seine Kriminalfälle zu durchforsten. Einen nach dem anderen.

P.S.

Ich habe schon einmal ein Buch mit dem Titel „Treibsand“ gelesen. Es stand in der „Katholischen Öffentlichen Bücherei“ meines Heimatdorfes und handelte davon, dass eine Frau im Treibsand ermordet werden sollte. Bin ich doch eine Krimileserin? Ich werde versuchen, dieses Buch ausfindig zu machen! Hat es seine Schöpferin überlebt?

P.P.S.

Es hat! War gar nicht schwer. „Victoria Holt“, so hieß die Schriftstellerin, auf deren Namen ich durch bloßes Nachdenken niemals gekommen wäre. Natürlich!! Von der habe ich gefühlte Unmengen von Büchern gelesen, zusammen mit meiner Mutter. Erst sie, dann ich – oder umgekehrt. Bei „Amazon“ finde ich folgenden Satz zum Inhalt:

„eine Musiklehrerin will die Umstände des Todes ihrer Schwester in zauberhafter Umgebung auf den Grund gehen“. Wahrscheinlich hat dieser Krimi meine Berufswahl entscheidend beeinflusst.  Mehr denn je scheint es mir sinnvoll, eine Art Hüterin der Sprache zu sein. Zum Glück kann ich hier nicht mit dem Rotstift ran.

 

 

 

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