Hiking, Wandern, Unterwegs sein

Wanderung Nummer 1: Die Felspassage

Oder: Man kann’s ja mal versuchen!

Man liest viel: Plötzlich können die Bäume sprechen, kommunizieren, miteinander und mit uns, sie senden Stoffe aus, die schon nach wenigen Minuten unser Herz weiten, unseren Sinn für’s Wichtige im Leben schärfen, uns schlicht beruhigen.

In Kanada, BC, liebe ich den „Forest,“ die riesigen alten Bäume, ihren Geruch, die Wald-Geräusche: das Blätterrauschen und -rascheln, das Knarren der Äste und Baumstämme, die Stille.

Es ist Corey, der mir die Baumarten erklärt, die Grandmother-Trees zeigt und die Cranberry-Büsche, die bevorzugt auf vermoderten Baumstümpfen wachsen.

fullsizeoutput_1a3f

Ist das hier auch so? Die leisen Wald-Geräusche, die Ruhe, die Stille?

Ich will es ausprobieren. Schon länger. Und deshalb habe ich mir sieben „Auf geht’s“- Flyer unserer „Aachener Zeitung“ aufbewahrt, in denen mir „Die schönsten Wanderrouten der Region“ ans Herz gelegt werden. Tour 1 ist die oben erwähnte „Felspassage“.

Sehr zu meiner Erleichterung erfahre ich, dass diese Strecke durchgehend durch das Schild mit der Nummer „07“ gekennzeichnet ist. Da kann man sich ja nicht verlaufen. 😉

Die Strecke „07“ beginnt am Nationalpark-Infopunkt „Zerkall“ in der Eifel. Um 9.18 Uhr steige ich in den Zug nach Düren, im Gepäck Käse und Trauben, Kaffee und Wasser, Blasenpflaster und Regenschirm. Ein Buch. Man weiß ja nie. Alles passt in meinen kleinen, seit Jahren nutzlos herumliegenden blauen Rucksack.

In Düren steige ich um in die Rurtalbahn. Ich bin nicht die Einzige. Mit bangem Blick mustere ich den kompletten Eifelverein. EIFELVEREIN. Ein Begriff, der mein Leben lang der Inbegriff  für Biederkeit, Langeweile und CDU-Wähler stand. Im Jeansröckchen, mit nackten Beinen und meinen alten Turnschuhen sitze ich vollständig ausgerüsteten Senioren gegenüber. Wanderstöcke, Wanderschuhe, Hosen, deren Beine man mit einem Reißverschluss nach Bedarf und Wetterlage abkürzen bzw. verlängern kann. Die Bahn ist voll. Ich befürchte Schlimmes.

Meine Befürchtung erweist sich als haltlos. Ich bin die einzige, die in Zerkall aussteigt. Ein Bahnsteig, ein Fluss, eine Brücke, ein Info-Punkt, eine freundliche Dame, die mir dort eine Rückfahrkarte verkauft und sich darüber freut, dass ich als Neu-Wanderin gerade hier losgehen will. „Das wird Ihnen gefallen!“

13 Kilometer lang ist mein Wanderweg, und auf Anraten der Info-Dame gehe ich ihn andersherum als im Flyer vorgesehen. Düster ist es im Wald, wenig Licht fällt durch die Bäume. Es riecht nach feuchten Blättern, nach Moos, nach Erde. Niemand da, nur ich. Stille.

Aber es dauert nicht lange, da höre ich einen erstaunten Ausruf. Der stammt von mir – und entfleucht mir bei diesem Anblick:

IMG_1401

Ein riesiger Fels türmt sich unvermittelt am Wegrand auf. Wahnsinn! Klar, die Felspassage. Aber so spektakulär hätte ich mir die Felsen hier nicht vorgestellt.

IMG_1400

IMG_1398

Mehrere Brocken aus Buntsandstein, die laut „Auf geht’s“-Flyer 220 Millionen Jahre alt sind, säumen den Weg. Ich bin beeindruckt. Ich weiß nicht, was ich erwartet habe. Sollte es in meiner Heimat auch kanadische Ecken geben? Muss ich gar nicht weit fahren, um meinen „Zurück-in-Deutschland“-Schock zu heilen? Sollte es zwischen zwei Kanada-Sommern auch im restlichen Jahresverlauf „Natur-Zeiten“ geben? Ist der EIFELVEREIN doch kein verhinderter Kegelclub? Braucht man Wanderstöcke?

Mich beschleicht die Ahnung, eine gewisse Arroganz gegenüber Menschen zu pflegen, die durch den Wald stapfen und „07“-Schilder an Baumstämme nageln, damit Karten-Analphabeten wie ich wieder nach Hause finden.

„Selbsterkenntnis ist der erste Weg zur Besserung!“ Ein Spruch meiner Kindheit.

Ich wandere. Je länger ich wandere, umso heller wird meine Stimmung. Geradezu euphorisch meistere ich das Auf und Ab der Waldwege. Ich komme an eine Waldkapelle, die von einer enthusiastischen Arbeitsgemeinschaft  an eine Stelle gebaut wurde, an der man das Staubecken Obermaubach überblicken kann. Manchmal verliere ich die „07“ und muss ein Stück zurück, aber das macht nichts. Wenige Wanderer kommen mir entgegen, manche überhole ich. Eine Frau mit zwei Berner Sennenhunden erklärt mir die beruhigende Sicherheit durch die Wander-App „Komoot“. Ansonsten rede ich 13 Kilometer lang mit Niemandem,  und das ist auch gut so. Doch! Unten am Staubecken lasse ich mir im „Haus Stepp am See“ meinen Kaffeebecher wieder auffüllen. Eine kleine Pause mit Blick auf’s Wasser, dann geht’s weiter.

Am Info-Punkt setze ich mich ans Flussufer. Ein Angler steht mitten im Wasser. Eine Gruppe von Kanus kommt vorbei. Die Sonne scheint. Es ist warm Ich bin müde.

Ab in die Rurtalbahn. In die Euregio-Bahn. Nach Hause. Ein langer Tag. Können Bäume sprechen? Ich glaube, schon. Brauche ich Wanderstöcke? Ich weiß noch nicht.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s